Antarktis

15. Januar 2001 Ich sitze in einer kleinen Kabine an Bord der Lyubowa Orlowa und kann es noch nicht glauben, dass wir das getan haben. Noch vor zwei Tagen waren wir in Punta Arenas in einem Reisebüro, um uns ganz unverbindlich über einen Besuch auf dem sechsten Kontinent zu informieren. Es dauerte keine Tasse Kaffee,…

15. Januar 2001

Ich sitze in einer kleinen Kabine an Bord der Lyubowa Orlowa und kann es noch nicht glauben, dass wir das getan haben. Noch vor zwei Tagen waren wir in Punta Arenas in einem Reisebüro, um uns ganz unverbindlich über einen Besuch auf dem sechsten Kontinent zu informieren. Es dauerte keine Tasse Kaffee, um uns für die neuntägige Expedition in die Antarktis zu entscheiden.

Mit unserem Reservierungsschein machten wir uns auf den Weg nach Usuaia.

Nachdem wir die Magellanstraße überquert hatten (Gischt trieb waagrecht übers aufwühlte Wasser…), fanden wir uns auf dem südlichsten Zipfel des südamerikanischen Kontinents: Feuerland. Nach ein paar hundert Kilometern Schotterpiste durch die karge, sturmgepeitschte Landschaft unter einem Himmel, der sich verwirrend schnell veränderte, erreichten wir das Ende der Welt.

Der Anfang unserer Reise zu einem Ort, der für mich bisher so unerreichbar erschienen war, wie der Mars.

Im Schiffsbauch grummeln die Motoren. Bald werden wir den Hafen verlassen.

17. Januar 2001

Seit zwei Tagen bin ich seekrank. Ganz elend.

Wir befinden uns in der Drake-Passage. Das soll die gefürchtetste See auf Erden sein, sagen die Seeleute. Die Wellen werfen unser Schiff wie ein Stück Treibholz hin und her – vollkommen arhythmisch. Dieses Geschlingere setzt mir so zu, dass ich mich kaum aus meiner Koje wage. Sieben Schnäpse auf nüchternen Magen, so etwa fühle ich mich. Hin und wieder verfinstert sich die Kabine, wenn eine Welle ans Bullauge schwappt. Ich fange schon an, die Reise zu verfluchen. Vorsorglich waren von der Mannschaft an jeder zugänglichen Stelle des Schiffs Kotztüten mit Klebestreifen befestigt worden. Für den Notfall. Ich habe hier noch keinen getroffen, der sich ohne eine dieser weißen Tüten dem Wellengang entgegenstellt.

Mir ist so schlecht.

18. Januar 2001
Wie ruhig es auf einmal ist. Nach 40 Stunden haben wir die Drake-Passage endlich überwunden. Welche Wohltat, wieder gerade gehen zu können und nicht bei jedem Schritt das Gleichgewicht neu suchen zu müssen.

Ich sitze gerade auf einer der Bänke an Deck. Die Sonne scheint vom beinahe wolkenlosen Himmel, blaues, glänzendes Meer ringsum. Dort hinten kann ich Land sehen. Oder sind das Eisberge? Blaugrün schimmernde Flecken am Horizont; sie wachsen, werden zu Inseln. Eine einzelne graue Wolke krallt sich daran fest, hängt darüber, deckt sie mit ihrem Schatten zu. Ich hole meine Malsachen.

Deception Island ist ein Vulkan, von dem nur der Krater aus dem Wasser ragt. Eine schmale Öffnung gewährt Zugang ins Innere dieses fast kreisförmigen Kratersees. Unser Schiff ging vor Anker und wir verteilten uns in kleinen Gruppen auf schwarze Gummiboote – Zodiacs -, mit denen wir an Land geschippert wurden. Eingeklemmt zwischen Leute, die ich in den letzten drei Tagen auf der Fahrt übers Meer kennengelernt hatte, wurde mir klopfenden Herzens bewusst, dass ich einer der wenigen Menschen war, die das Privileg haben, Fuß auf eine so entlegene Insel zu setzen.

Während das Boot an den schimmernden Eisbergen vorbeiglitt, waren alle still. Andächtig bestaunte ich die Welt, die mich umgab. Ich streckte meine Hand ins Wasser, streifte mit meinen Fingerspitzen über die gezackte Oberfläche eines Eisbrockens. Ich war tatsächlich hier. Meine Ohren spürte ich kaum – wieso hatte ich eigentlich keine Mütze mitgenommen? – meine Füße waren in den Gummistiefeln eisig kalt. (Es war uns nicht erlaubt, eigenes Schuhwerk zu tragen, denn diese könnten Keime auf die Inseln tragen, die das ökologische Gleichgewicht gefährden würden.)

Neben dem Boot schnellten Pinguine aus dem Wasser, um gleich darauf wieder geschmeidig einzutauchen.

Was uns dann an Land erwartete, war ernüchternd. Keine unberührte Eislandschaft, sondern eine schwarzgraue Felsküste aus Vulkangestein, zertrümmerte Holzboote, windschiefe, halb verfallene Hütten, rostende Maschinenteile, Teile von Holzfässern, Reste eines gigantischen Walskeletts… und verwitterte Riesentanks, die noch vor 50 Jahren unglaubliche Mengen Waltrans gefasst hatten. Wir befanden uns auf einer ehemaligen Wahlfangstation. Die Überreste wurden nicht entfernt und dienten so als Mahnmal, eine Erinnerung an das massenweise Abschlachten von Walen.

19. Januar 2001

Der Blick aus dem Bullauge heute Morgen kurz nach dem Aufwachen war atemberaubend und trieb mich sofort auf Deck. Die eisige Luft machte mich munter. Die Sonne hatte all die Eisberge, Inseln, das Wasser und die wenigen Wolken in gleißendes Licht getaucht.

„To dine with a glacier on a sunny day is a glorious thing and makes feasts of meat and wine ridiculous. The glacier eats hills and drinks sunbeams.“ – John Muier –

Viele, viele hunderte Pinguine watschelten auf Coverville Island herum. Sie zu beobachten – ein wahrer Genuss. Ich komme nicht umhin, in mich hineinzuschmunzeln.

Schau dir den Kleinen da an, ist der nicht süß? So ein lustiges Kerlchen, wie er zum Ufer wackelt,wie ein hinkender Galan auf dem Weg zum Rendezvous: Ach je, ich bin ja schon viel zu spät dran! – Es fehlt nur noch die Nelke im Knopfloch.

Hoppla, nicht so schnell, du kleiner Wicht… – zack! – und da knallt er schon ungebremst auf den weißen Bauch! Unbeirrt rappelt er sich auf und strebt weiter hin- und herwackelnd auf sein Ziel zu. Endlich! Ein eleganter Kopfsprung und jetzt ist der Pinguin in seinem Element. Er schwimmt blitzschnell davon wie ein Fisch, schnellt noch ein paarmal übermütig aus dem Wasser, um dann gleich wieder unterzutauchen.

Durch tiefen Schnee stapfte ich eine Anhöhe hinauf. Ich brauchte ewig, bis ich oben war, denn ich sank fast bei jedem Schritt bis zu den Knien in den pulvrigen Schnee ein. Welch ein herrlicher Ausblick bot sich dann aber auf die Bucht zu meinen Füßen: Eisberge, majestätisch trieben sie im schimmernden Wasser, vollkommene Stille, alles scheint so unberührt.

Ich bin allein auf der Welt.

Später fuhren wir mit den Zodiacs zum Schiff zurück, nicht jedoch ohne ein paar Runden um die imposanten Eisberge zu drehen. Dabei kamen wir an einigen treibenden Eisschollen vorbei, auf denen es sich Seeleoparden wie auf Luftmatratzen im Pool gemütlich gemacht hatten. Sie räkelten sich in der Sonne und blickten träge auf, als die Touristen staunend und knipsend vorüberfuhren.

Nun fehlten eigentlich nur noch Wale, dachte ich mir und hielt Ausschau. Da! Jemand zeigte auf die Stelle, wo er die Finne eines großen Tieres aus dem Wasser hatte blitzen sehen. Angestrengt starrte ich ebenfalls in die Richtung, bis mir die Augen brannten. Am Nachmittag erreichten wir Neko Harbour. Sonnentrinkende Eisberge umgaben uns, die in den Tiefen des kristallklaren wassers versanken. Gletscher lagen nicht ruhig und friedlich, sondern schoben sich langsam aber beständig mit ungeheuren Kräften voran. Das Ächzen, Knirschen und Knallen des gefrorenen Schnees hallte an den Felsen und Eisbergen wider. Ab und zu brachen riesige Eisbrocken ab, die mit Getöse ins Wasser krachten und mächtige Wellen auslösten. Fasziniert beobachtete ich dieses Schauspiel vom schaukelnden Zodiac aus.

Als der Wal zum erste Mal aus dem Wasser auftauchte, hielten alle den Atem an. Ein mächtiger, dunkler Rücken erschien direkt unter der Wasseroberfläche, wölbte sich heraus, glänzte. Sein Blas sprühte unmittelbar neben mir. Ich saß zwischen all den Leuten, fühlte mich dennoch allein mit dem erstaunlichen Wesen, das nun unser Zodiac mehrmals umrundete und dabei einige male auf- und wieder untertauchte. Ein Minkwal, wie wir später belehrt wurden, der kleinste unter den riesigen Meeressäugern.

20. Januar 2001
Der Tag begann mit einer atemberaubenden Passage durch den Lemaire Channel. Ich stand auf Deck und der Wind blies mir so kalt ins Gesicht, dass mir fast die Haut abbröckelte. Ich wickelte meine Kopf fester in mein warmes Tuch und ließ nur einen kleinen Spalt für die Augen frei. So bestaunte ich dieses Labyrinth aus Eisskulpturen, durch das das Schiff sich langsam seinen Weg suchte. Ich empfand tiefe Ehrfurcht vor den Kunstwerken der Natur, die von Meisterhand aus dem kalten Material gemeißelt schienen. Klackernd stießen die Brocken immer wieder gegen die Schiffswand, hüpften auf den Wellen und tauchten in das Schwarz unter, wo sie türkisschimmernd wieder zur Oberfläche trieben.

Wir besuchten die Pinguinbrutstätten auf Peterman Island und Port Lockroy. Dieses Mal hatte ich meinen Aquarellmalkasten dabei.

Am Abend erwartete uns ein Festessen am offenen Deck. Nachdem die Sonne den ganzen Tag lang die Eislandschaft angestrahlt hatte, verwandelte sie heute Abend die Umgebung in eine Kulisse aus zartrosa und orange glühenden Wolken, unter denen die Eisberge in ihren kühlen Grün- und Blautönen herausleuchteten. Das gute Essen zusammen mit der klassischen Musik vom Band inmitten dieses Wunders … unglaublich.

Zum Nachtisch zeigten sich drei Finnwale.

21. Januar 2001
Das Wetter hat umgeschlagen. Die gestern noch leuchtenden Eisberge haben sich hinter Wolken und Dunstschleiern verkrochen. Feiner Nieselregen fällt auf mein Gesicht. Eine Nebelbank kriecht über die Half Moon Island. Ich kann kaum die Hand vor meinen Augen sehen. Felstürme ragen durch den Dunst und lassen mich an Burgruinen im schottischen Hochland denken.

Auf dieser Insel gibt es Seeelefanten. Am wohlsten fühlen sie sich offensichtlich, wenn sie an den schlammigsten Stellen der Strände kreuz und quer übereinander liegen. In gebührender Entfernung setzte ich mich auf einen Felsbrocken, um diese imposanten Wesen zu beobachten und zu malen. Dampfend und grunzend, zuweilen schrecklich brüllend, rülpsend und dann wieder gähnend lagen sie auf- und untereinander und schienen sich wohlzufühlen. Dann kam aus dem Wasser ein mächtiger Bulle angerobbt und wälzte sich ächzend geradewegs ganz oben auf den Haufen. Minutenlang wurde gebrüllt, gestoßen und gebissen, bis sich die Meute mit dem Neuankömmling arrangiert hatte.

23. Januar 2001 Wir befinden uns jetzt wieder in der Drake Passage – tagelang offenes Meer. Anders als auf der Hinfahrt gelingt es mich jetzt besser, die Seekrankheit in Schach zu halten.
Albatrosse begleiten das Schiff. Nach der Legende tragen sie auf ihren Flügeln die Seelen all der Seemänner, die im Meer umgekommen sind. Wir haben Kap Horn umschifft. Jetzt dürfen wir uns das Ohrläppchen durchstechen und uns mit den Füßen auf dem Tisch zuprosten…


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